Klaus Weidner ist als neugieriger und passionierter Besucher von Kunstausstellungen und Kunstmessen ständig im In- und Ausland unterwegs. Unter artour finden Sie, rückwirkend aus den Jahren 2012 bis 2014, seine persönlichen Eindrücke in Wort und Bild und dürfen auf seine zukünftigen Berichte und Empfehlungen von seinen Streifzügen durch die Kunstevents 2015 ff. gespannt sein.

 



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Jürgen Brodwolf in der Galerie Schlichtenmaier in Stuttgart | 18. Mai bis 8. Juli 2017

Vom 18.5. - 8.7.2017 stellt die Galerie Schlichtenmaier am Stuttgarter Schlossplatz den Künstler Jürgen Brodwolf aus.

 

Der in der Schweiz am 14. März 1932 geborene Objektkünstler und Bildhauer entdeckte in den 1960er Jahren die benutzten und ausgedrückten (Mal-)Tuben als seine zentralen künstlerischen Objekte, die er seit über 50 Jahren zu vielfältigen menschlichen Figuren formt.

 

Es ist absolut faszinierend, in der laufenden Ausstellung zu beobachten, wie er mit unterschiedlichen Materialien / Fundstücken und Farben seine fantasievollen „Tubenmenschen“ in Szene setzt. Seine Themenvielfalt beschäftigt sich mit dem prallen Leben und genauso selbstverständlich mit dem Tod. Er stellte seine Figuren in die Natur, nahm geschichtliche Vorgänge als Vorlage, beschäftigte sich z.B. mit Mandela auf Robben Island, den Schweizer Freiheitskriegen etc.

 

Brodwolfs Objekte werden in Guckkästen, Schubladen oder frei liegend im Raum und der Natur präsentiert – auch hierbei ist seine Fantasie fast grenzenlos. „Mit meinen Figuren stelle ich nicht den Menschen als solchen dar, ich benutze diese als Chiffre für menschliche Situationen“ wird der Künstler zitiert.

 

Für weitere Erläuterungen zum Werk von Brodwolf empfehle ich die sehr informative Veröffentlichung von Schlichtenmaier zu dieser Ausstellung - die nicht nur auf die künstlerischen, sondern auch auf die philosophischen Aspekte seiner Arbeiten eingeht.

 

Vor allem empfehle ich aber, sich einen eigenen Eindruck vom Schaffen dieses großartigen Künstlers zu machen – von seiner Vielfalt, Ernsthaftigkeit, seinen künstlerischen und formalen Entwicklungsschritten über die Jahrzehnte hinweg, aber auch seinem versteckten Humor, der bei aller Beschäftigung mit den existentiellen Themen des Lebens und des Todes nicht zu kurz kommt. Er sagte mir im persönlichen Gespräch mit feinem Lächeln, „Wenn ich eine Tube in die Finger bekomme, wird daraus unweigerlich eine weibliche Figur“. Die Ausstellung straft in Lügen –viele seine Arbeiten sind Paaren und Menschengruppen gewidmet.

 

Die Ausstellung läuft noch bis zum 8. Juli 2017, täglich von 11 -19 Uhr, samstags bis 17 Uhr.

 

Esslingen, 11.6.2017 Klaus Weidner

 

13. Gallery Weekend Berlin | 28.-30.4.2017

Am diesjährigen Gallery Weekend nahmen offiziell 47 Galerien in 5 Stadteilen  teil  - tatsächlich nahmen weit über 100 Galerien in der ganzen Stadt die Gelegenheit war, sich dem internationalen Besucherkreis im besten Licht zu zeigen.

 

Ich zitiere zunächst den Tagesspiegel: „Das Gallery Weekend ist ein Erfolgsmodell, mit Nachahmern in vielen Städten auf der ganzen Welt….Erst der Eventcharakter macht das Gallery Weekend zur Attraktion, niemals sonst kommen mehr Sammler in die Stadt und nehmen sich Zeit für`s Galerien-Hopping. An die geballte Aufmerksamkeit hängen sich viele dran: Museen, Privatsammler, Kunstvereine, Stiftungen, Off-Spaces.“

 

Mein persönliches Galerien-Hopping begann freitags in Schöneberg, dann folgte ein Tag in Mitte und schließlich sorgten die bekannten Galerien in Charlottenburg für einen vergnüglichen Sonntagnachmittag. Im Folgenden gehe ich in Wort und Bild auf die Künstler / Galerien ein, die mich persönlich beeindruckt haben und biete dem Leser somit meine sehr subjektive Sicht der Dinge – man möge mir im einen oder anderen Fall die Auswahl verzeihen.

Schöneberg

In Schöneberg war die Auswahl in diesem Jahr sehr einfach, hier beherrschte der Berliner Künstler Jonas Burgert (geb. 1969) zu Recht die Szene. Im weitläufigen Gelände der ehemaligen Druckerei des Tagesspiegel haben sich mehrere Galerien angesiedelt. Blainsouthern bot dort Burgert die entsprechenden Räumlichkeiten, um sowohl sein 22 Meter langes Hauptwerk, als auch seine bemerkenswerten kleineren Bilder und Porträts zu präsentieren. Vor 10 Jahren noch völlig unbekannt, hat er sich zum internationalen Superstar entwickelt, dessen Bilder in Teilen an Hieronymus Bosch erinnern und insofern keine leichte Kost bieten. In einem Interview sagt der Künstler: „Dieses herrliche Desaster von …Religionen, Kriegen, Liebe etc. erzeugt meine Idee der Zuspitzung von überbordendem, wunderbarem Blödsinn. Wir machen uns immer wieder Hoffnungen die scheitern, dann wieder neue etc.“.

 

Im selben Gebäude stellte die Gallery Esther Schipper die Künstler Angela Bulloch (1966) und Anri Sala (1974) aus. Unter dem Titel HEAVY METAL BODY zeigte Bulloch ihre bunten, dynamischen Skulpturen mit geometrischen Verzerrungen, während Anri Sala u.a. ein Sound- und Videospektakel eines sich zum Teil verselbständigenden Klavierspiels präsentiert, in dem die Marseillaise und die Internationale in Einklang gebracht werden sollen.

 

Taussende von Besuchern drängten sich im Hof und den Galerien am Eröffnungsabend – was für ein toller Start ins kunstvolle Wochenende! Der Gegensatz zur kleinteiligen Galerienszene in Mitte könnte größer nicht sein. Aus dem fast unübersehbaren Angebot an z.T. jungen, unbekannten, aber auch sehr renommierten Künstlern habe ich in der folgenden Bildergalerie meine Favoriten ausgewählt.

Linienstraße | Auguststraße

In der Linienstr bei neugerriemenschneider wurde Michel Majerus (1967-2002) großflächig präsentiert. Seine farbigen Malereien auf Aluminiumpaneelen erinnerten mich an Sportszenen auf der Laufbahn – diese banale Interpretation stimmt leider nicht überein, mit der offiziellen Interpretation dieser Schlüsselwerke!

Immer wieder interessant ist der Besuch der Galerie Neu, ein schmuckloser Betonkasten, passend zu einer klassischen Plattenbausiedlung dahinter, die aufgehübscht überlebt hat. Hier wurden die grellbunten, großflächigen Arbeiten von Andreas Slominski unter dem beziehungsreichen Titel „transhumanistisch“ präsentiert.

Deutlich kleinteiliger ging es gegenüber in der Galerie Martin Mertens zu, wo die junge, polnische Künstlerin Anna Kott (Jg.1992) farblich wunderbar komponierte Arbeiten vorstellte und die Japanerin Yuka Kashihara (Seelen-)Landschaften als „Objekte der Meditation und zur Besinnung auf die innere Landschaft des Betrachters“ darbot.

Bei Rasch Ripken nebenan zeigte der Holländer Jan Ros perfekte, menschenleere und bedrückende Einsamkeit in der Großstadt, Edward Hopper lässt grüßen.

 

Die international bekannte Großgalerie Sprüth Magers ließ es gleich mit drei sehr unterschiedlichen Ausstellungen und Künstlern „krachen“:

Der vor 3 Jahren verstorbene Otto Piene verzauberte die Betrachter mit seinen filigranen Lichtinstallationen.

Die scheue, amerikanische Künstlerin Lucy Dodd (1981) begrüßte den Besucher mit einem deckenhohen Gemälde, das wie ein Portal in ihre Ausstellung wirkte. Dodd arbeitet mit den unterschiedlichsten Naturmaterialien, Pilzen, Flechten, Erde, Blüten, „die man auf einem Wochenmarkt ebenso finden könnte, wie bei kultischen Ritualen“. Ihre rätselhaften Bilder appellieren an die Fantasie der Betrachter.

Mit den wunderbaren Istallationen aus Licht, Duft und Sound der Schweizerin Pamela Rosenkranz (1979) schließt sich auch wieder der Kreis zum Zerokünstler Piene.

 

In der ehemaligen jüdischen Mädchenschule in der Auguststraße präsentierte die Galerie Fuchs „Behind the Screen, An Art Tribute to Isabelle Huppert“. Zu Ehren der französischen Schauspielerin visualisierten diverse Künstler mittels Zeichnung, Fotografie und Video ihre subjektive Sicht auf die Wandlungsfähigkeit Hubberts – eine sehr gelungene Hommage.

Ebenfalls in der jüdischen Mädchenschule präsentierte die Galerie CWC mit Tina Berning & Michelangelo Di Battiste ein Künstlerpaar - sie Malerin, er Fotograf - das sich auf eindrucksvolle Weise gegenseitig inspiriert und beeinflusst. Unter dem  psychologischen Titel „Me and I“ werden die Porträts schöner Frauen gleichzeitig präsentiert und künstlerisch mit unterschiedlichsten Materialien und Techniken verfremdet. Für mich eine des spannenden Entdeckungen dieses Galley Weekends.

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Ai Weiwei – Besuch in seinem Atelier in Peking

Ai Weiwei – Besuch in seinem Atelier in Peking | Ein aktueller Blick auf seine künstlerische „Werkbank“

 

Manchmal muss man als Kunstliebhaber einfach nur Glück haben! Dieses Glück ist mir in Person von Freunden widerfahren, die geschäftlich in Peking zu tun hatten und von Ai Weiwei zu einem Besuch in seinem Atelier eingeladen wurden.  Da der weltbekannte Künstler nichts dagegen hatte, dass er und seine Arbeits-umgebung fotografiert wurden, sondern im Gegenteil mit Spaß dabei war, ist die folgende Fotogalerie eine spannende Momentaufnahme und ein interessanter „Blick auf die Werkbank seines aktuellen Schaffens“.

 

Ai Weiwei wurde am 18. August 1957 als Sohn eines chinesischen Dichters und Regimekritikers geboren. Sein Vater wurde für 20 Jahre in die Provinz verbannt, wo Ai Weiwei bis zur Rehabilitierung seines Vaters aufwuchs. 1978 begann er in Peking ein Studium an der Filmakademie und war Mitbegründer der Künstlergruppe Stars, die mit ihrer avantgardistischen Kunst damals schon staatliche Bevormundungen ablehnte.

 

Ai Weiwei lebte und studierte von 1981 – 1993 in New York, wo er sich mit Fotografie, Konzeptkunst und Dadaismus beschäftigte. Er traf dort bekannte amerikanische Künstler, wie Andy Warhol, Jasper Jones, aber auch Marcel Duchamp, der ihn nach eigenen Worten am meisten beeinflusste.  1993 kehrte er nach Peking zurück und wurde, neben seinem künstlerischen Schaffen, nach und nach zu einer der Hauptfiguren der chinesischen Kunstszene, die gegen die staatlichen Restriktionen opponierte.  Er kuratierte eine Vielzahl von Ausstellungen und baute 1999 sein eigenes Studio – damit begann seine Entwicklung zum Architekten. 2003 gründete er sein eigenes Architekturstudio in Peking und war u.a. als künstlerischer Berater am Bau des Olympiastadions beteiligt.

 

Ab 2009 nahmen die staatlichen Repressalien gegen ihn zu, er erlitt bei einem Polizeieinsatz eine Gehirnblutung, 2011 wurde er verhaftet und verbrachte 81 Tage in Einzelhaft. Er ist seit dieser Zeit mit einem Ausreiseverbot belegt, was ihn aber nicht hindert, seinen politischen Kampf für Demokratie und Meinungsfreiheit mutig und mit seinen künstlerischen Mitteln fortzusetzen. Er erfährt mit zahlreichen Ausstellungen weltweit Anerkennung, war 2013 auch für Deutschland auf der Biennale in Venedig vertreten und hatte 2014 in Berlin und in Kanada große Einzelausstellungen. Darüber hinaus nutzt er die virtuellen, elektronischen Medien virtuos für Blogs, Videodokumentationen seiner Ausstellungen, aber auch zu kafkaesken Aktionen, wie z.B. der „Selbstüberwachung“ mit Internet-Life-Übertragungen aus seinem Atelier - etc.

 

In seinem Atelier arbeitet er mit seinen Mitarbeitern und Katzen rastlos und unbeeindruckt weiter und ist darüber hinaus ein sehr angenehmer, freundlicher und humorvoller Gastgeber, wie meine Freunde berichteten.

 

K.W. Februar 2015

 

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