Klaus Weidner ist als neugieriger und passionierter Besucher von Kunstausstellungen und Kunstmessen ständig im In- und Ausland unterwegs. Unter artour finden Sie seine persönlichen Eindrücke in Wort und Bild und dürfen auf seine zukünftigen Berichte und Empfehlungen von seinen Streifzügen durch die Kunstevents gespannt sein.



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BERLIN ART WEEK 2017 | 1. Festival of Future Nows + 2. art berlin

1. Besuch des „Festival of Future Nows” im Hamburger Bahnhof

 

Um es gleich vorweg zu sagen, das von Olafur Eliasson kuratierte Festival war für mich die Überraschung und der Höhepunkt der diesjährigen Berlin Art Week!  Ich zitiere zunächst das offizielle Programm: „Das Festivalprogramm zeigt junge und diverse Positionen – eine intensive Auseinandersetzung mit dem unkalkulierbaren Potenzial von Formaten wie Performance, Happening, Experiment und Intervention, sowie dem Spiel mit Bewegung und Wahrnehmung.“

 

136 junge und von Eliasson ausgewählte Künstler mischten für 3 Tage die Haupthalle des Hamburger Bahnhofs und den Außenbereich mit einem multimedialen Kunstspektakel auf. Überall war Action, der Besucher erlebte moderne Kunst als eine spannende und teilweise verwirrende Melange für alle Sinne.

 

Eliasson selbst steuerte in der Mitte des riesigen Raums einen begehbaren „Yellow Forest“, einen Zauberwald, bei, der von allen Seiten flankiert wurde von Musik, Videos, Rauminstallationen, Skulpturen und wechselnden Interaktionen zwischen Künstlern und Besuchern. Zusätzlich attraktiv wurde das Ganze durch die Öffnung und Begehbarkeit des ansonsten unzugänglichen hinteren Außenbereichs, der vor kurzem noch eine riesige Brache war und wo heute mit der Europacity ein neues Stadtviertel entsteht. Der Künstler Yves Mettler hatte eine Hebebühne installiert, die den Besuchern einen Überblick über dieses neue Stadtviertel verschaffte. In ähnlicher Weise luden viele Aktivitäten zum Mitmachen und mitspielen ein.

 

Meine folgende Fotogalerie kann nur einen sehr unvollständigen Eindruck dieses großartigen Events bieten, es fehlt leider das Hören, Riechen und Fühlen. Eliasson bot im Gegensatz zu den sonstigen Messen der Berlin Art Week keine Verkaufsmesse, sondern ein lust- und fantasievolles Kunstspektakel, das keiner vergisst, der dabei war! Der enorme Zuspruch eines überwiegend jüngeren Publikums war der verdiente Lohn.

2. Besuch der neuen Messe „art berlin“

 

In diesem Jahr hat sich die ehemalige ABC (Art Berlin Contemporary) durch eine Fusion mit der Messe Köln in die „art berlin“ verwandelt.

 

Diese Fusion hat der Messe nicht nur gut getan, es hat ihr sogar einen quantitativen und vor allem qualitativen Quantensprung beschert. 110 Galerien aus 16 Ländern, doppelt so viele wie 2016, präsentierten ihre Künstler. Zudem wurde die Ausstellungsarchitektur großzügig verändert und die Ausstellungsfläche vergrößert, so dass der Messebummel für die Besucher wieder zu einem interessanten und weitgehend stressfreien Vergnügen wurde.

 

Den Galeristen stand es frei, mehrere Künstler zu präsentieren und neben der zeitgenössischen, auch die klassische Moderne zu zeigen. Folgerichtet bot sich dem Besucher ein breites Spektrum von den klassischen Heroen wie Lichtenstein, Richter, Warhol, Polke, Tapies etc. bis zu noch weitgehend unbekannten oder aufstrebenden jungen Künstlern.  Auch auf der Galeristenseite sind erfreulicherweise viele bekannte Namen aus dem In- und Ausland hinzugekommen.

 

Diese neue Mischung spiegelt sich auch in meiner folgenden, wie immer sehr subjektiven, Fotogalerie wieder, in der sich viele weltbekannte Künstler mit neuen Namen junger Künstlern abwechseln. Die neue art berlin hat uns sehr gut gefallen, es besteht die Hoffnung, dass dieser Neubeginn zu einer Kunstmesse mit Gewicht und internationaler Anerkennung führt.

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BERLIN ART WEEK 2017 | 3. Positions Berlin + 4. Berliner Liste

3. Besuch der „Positions Berlin“

 

Die zweite große Verkaufsmesse neben der Art Berlin nennt sich „Positions“ und findet in der Arena statt, einem ehemaligen Busdepot an der Spree. Auf 6.500 Qm Industriearchitektur stellten in diesem Jahr 84 Galeristen aus 15 Ländern aus – eine bemerkenswerte Anzahl davon kam aus Osteuropa.

 

Naturgemäß fiel die Positions gegenüber der neuen art berlin zwei Nummern kleiner aus, ohne allerdings an Qualität einzubüßen. Der Schwerpunkt lag eindeutig bei der gegenständlichen Malerei und entsprechenden Zeichnungen. Die Positions zeigte zwar überwiegend Nachwuchskünstler, aber auch Wiederentdeckungen früher schon etablierter Künstler.  Man möchte speziell ein  jüngeres Publikum und junge Sammler ansprechen, deshalb gibt es ausgesuchte, qualitativ hochwertige Kunstwerke in kleineren Formaten zu erschwinglichen Preisen.

 

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Positions in Zukunft neben der Art Berlin positioniert. Folgerichtig dominiert in meiner folgenden Fotogalerie die gegenständliche Malerei – auch das ein deutlicher Kontrast bzw. eine Ergänzung zur art berlin.

4. Besuch der „Berliner Liste“ und der Galerie Bastian

 

Zum Abschluss meiner Rundgänge anlässlich der Berlin Art Week besuchte ich zunächst im malerischen, alten Postfuhramt am Ostbahnhof die „Berliner Liste“. Hierbei handelt es sich um eine private Alternativmesse zu den offiziellen Großmessen. Auf 4000 Qm zeigten 90 Aussteller aus 34 Ländern und allen 5 Kontinenten weitgehend bezahlbare, zeitgenössische Kunst.

 

„Das einmalige, gleichberechtigte Nebeneinander von Galerien, Projekträumen und Künstlern unter einem Dach trägt zu der lebendigen und kommunikativen Atmosphäre bei, die unsere Messe so besonders macht“. Diesem Satz des Messedirektors ist nur hinzuzufügen, dass hoffentlich viele Besucher die Chance, gute und preiswerte Kunst zu erwerben, wahrnehmen.

 

Zum Schluss besuchte ich noch die Galerie Bastian neben der Museumsinsel, die allein schon wegen des Baus von Chipperfield sehenswert ist. Die Lichtskulpturen von Dan Flavin kommen in diesen großen und hohen Räumen fantastisch zur Geltung. Eine zweite Ausstellung ist dem US-Künstler Paul Wallach gewidmet und absolut sehenswert! Seine abstrakten, geometrischen Skulpturen und Wandobjekte waren eine wunderbare Ergänzung zu der überwiegend gegenständlichen Kunst, die ich bei den erwähnten Messen gesehen habe. Diese beiden Ausstellungen laufen noch bis November und können von mir sehr empfohlen werden.

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Ai Weiwei – Besuch in seinem Atelier in Peking

Ai Weiwei – Besuch in seinem Atelier in Peking | Ein aktueller Blick auf seine künstlerische „Werkbank“

 

Manchmal muss man als Kunstliebhaber einfach nur Glück haben! Dieses Glück ist mir in Person von Freunden widerfahren, die geschäftlich in Peking zu tun hatten und von Ai Weiwei zu einem Besuch in seinem Atelier eingeladen wurden.  Da der weltbekannte Künstler nichts dagegen hatte, dass er und seine Arbeits-umgebung fotografiert wurden, sondern im Gegenteil mit Spaß dabei war, ist die folgende Fotogalerie eine spannende Momentaufnahme und ein interessanter „Blick auf die Werkbank seines aktuellen Schaffens“.

 

Ai Weiwei wurde am 18. August 1957 als Sohn eines chinesischen Dichters und Regimekritikers geboren. Sein Vater wurde für 20 Jahre in die Provinz verbannt, wo Ai Weiwei bis zur Rehabilitierung seines Vaters aufwuchs. 1978 begann er in Peking ein Studium an der Filmakademie und war Mitbegründer der Künstlergruppe Stars, die mit ihrer avantgardistischen Kunst damals schon staatliche Bevormundungen ablehnte.

 

Ai Weiwei lebte und studierte von 1981 – 1993 in New York, wo er sich mit Fotografie, Konzeptkunst und Dadaismus beschäftigte. Er traf dort bekannte amerikanische Künstler, wie Andy Warhol, Jasper Jones, aber auch Marcel Duchamp, der ihn nach eigenen Worten am meisten beeinflusste.  1993 kehrte er nach Peking zurück und wurde, neben seinem künstlerischen Schaffen, nach und nach zu einer der Hauptfiguren der chinesischen Kunstszene, die gegen die staatlichen Restriktionen opponierte.  Er kuratierte eine Vielzahl von Ausstellungen und baute 1999 sein eigenes Studio – damit begann seine Entwicklung zum Architekten. 2003 gründete er sein eigenes Architekturstudio in Peking und war u.a. als künstlerischer Berater am Bau des Olympiastadions beteiligt.

 

Ab 2009 nahmen die staatlichen Repressalien gegen ihn zu, er erlitt bei einem Polizeieinsatz eine Gehirnblutung, 2011 wurde er verhaftet und verbrachte 81 Tage in Einzelhaft. Er ist seit dieser Zeit mit einem Ausreiseverbot belegt, was ihn aber nicht hindert, seinen politischen Kampf für Demokratie und Meinungsfreiheit mutig und mit seinen künstlerischen Mitteln fortzusetzen. Er erfährt mit zahlreichen Ausstellungen weltweit Anerkennung, war 2013 auch für Deutschland auf der Biennale in Venedig vertreten und hatte 2014 in Berlin und in Kanada große Einzelausstellungen. Darüber hinaus nutzt er die virtuellen, elektronischen Medien virtuos für Blogs, Videodokumentationen seiner Ausstellungen, aber auch zu kafkaesken Aktionen, wie z.B. der „Selbstüberwachung“ mit Internet-Life-Übertragungen aus seinem Atelier - etc.

 

In seinem Atelier arbeitet er mit seinen Mitarbeitern und Katzen rastlos und unbeeindruckt weiter und ist darüber hinaus ein sehr angenehmer, freundlicher und humorvoller Gastgeber, wie meine Freunde berichteten.

 

K.W. Februar 2015

 

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