Klaus Weidner ist als neugieriger und passionierter Besucher von Kunstausstellungen und Kunstmessen ständig im In- und Ausland unterwegs. Unter artour finden Sie seine persönlichen Eindrücke in Wort und Bild und dürfen auf seine zukünftigen Berichte und Empfehlungen von seinen Streifzügen durch die Kunstevents gespannt sein.



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Eva & Adele – L'AMOUR DU RISQUE bis 28. August 2018

Eva & Adele – L`AMOUR Du RISQUE

Bericht über die umfassende Ausstellung des Lebenswerks von  Eva & Adele im me Collectors Room Berlin / Stiftung Olbricht

 

Wenn man sich für moderne Kunst interessiert und Ausstellungen, Vernissagen, Kunstmessen z.B. in Berlin oder Köln, die documenta in Kassel oder die Biennale in Venedig besucht, bleibt es nicht aus, dass man dort dem Künstlerpaar Eva & Adele begegnet. Beide sind mit ihren rasierten Köpfen, bunt geschminkten Gesichtern, ihren skurrilen, stets beidseitig gleichen Outfits und dem freundlichen Dauerlächeln unübersehbar und unvergesslich.

 

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich Beide bis vor kurzem eher für ein exzentrisches Partypaar der internationalen Kunstszene gehalten habe, als für weltweit erfolgreiche Künstlerinnen.

 

Diese Einstellung änderte sich radikal, als ich die obige Ausstellung besuchte und von der Qualität, Vielfalt und Originalität der gezeigten Arbeiten aus fast 30 Jahren so beeindruckt war, dass ich die beiden Künstlerinnen unbedingt persönlich kennen lernen wollte. Dabei kam mir der Zufall eines Galadiners zu Gute, das der Museumsstifter Dr. Olbricht zu Ehren des Künstlerpaares ausrichtete, an dem ich mit meinen Freunden teilhaben durfte.

 

Beide Künstlerinnen erklärten uns freundlich, aber bestimmt, dass sie aus der Zukunft kämen (sie nennen es FUTURING) und deshalb Alter, Herkunft, Geschlecht etc. keine Rolle spielen. Es gibt folglich auch keine gespielten Rollen des Weiblichen oder Männlichen, sie sehen sich als unzertrennliches Gesamtkunstwerk, „OVER THE BOUNDERIES OF GENDER“ und haben seit 1991 definitiv keinen Schritt ohne den anderen gemacht, weder privat noch bei der Kunst!

In der Ausstellung LÀMOUR DU RISQUE werden „ganze Werkkomplexe aus ihren wichtigsten Werkgruppen in den Medien Zeichnung, Malerei, Fotografie, Video und Skulptur sowie ihre selbstentworfenen Kostüme und Kostümpläne gezeigt. Sie verdeutlichen die, radikal Grenzen überschreitende, hoch differenziert ausgearbeitete, künstlerische Existenz von Eva & Adele“ (Zitat aus dem Pressetext).

 

Ein Bummel durch die Ausstellung dauert, die gezeigten Arbeiten sind sehr vielschichtig und verbreiten gute Laune, außerdem sollte man sich unbedingt die Zeit nehmen, die Videoarbeiten zu betrachten, die das Gesamtwerk nicht nur ergänzen, sondern auch verständlich machen.

 

Im Gespräch erläuterten die kommunikative Adele und die eher schüchterne Eva eindrucksvoll ihr einzigartiges Kunst- und Lebenskonzept, das allen Gefahren und Risiken zum Trotz auf totaler Gemeinsamkeit und Liebe basiert. “Wherever we are is Museum“ wird kompromisslos gelebt und umgesetzt, so dass z.B. Texte und

 

Fotografien aus Zeitungen und Zeitschriften automatisch Teil ihrer Kunst werden, von ihnen bearbeitet oder unbearbeitet.

 

Der gemeinsame Abend mit den überaus sympathischen Künstlerinnen bewies uns eindrucksvoll, dass aus ursprünglich zwei Individuen ein unzertrennliches, einzigartiges, in ihrer Konsequenz bewundernswertes, anrührendes, neues „Gesamtkunstwerk“ wurde – Eva & Adele.

 

Die Ausstellung läuft noch bis zum 27. August 2018 und ist nicht nur empfehlenswert, sie ist sogar eine Reise nach Berlin wert!

 

 

Klaus Weidner, Juli 2018

 


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William Kentridge in Frankfurt bis 26.08.2018

Ein familienbedingter Kurzbesuch in Frankfurt schenkte uns zwei bemerkenswerte Ereignisse: einen Bummel durch die neue „Altstadt“ von Frankfurt und den Besuch der Ausstellung des südafrikanischen Künstlers William Kentridge im Liebieghaus.

 

Wie man Altes und Neues, Tradition und Revolution ideal kombiniert, beweist die fantastische Ausstellung des südafrikanischen und weltweit begehrten Künstlers William Kentridge im altehrwürdigen Liebieghaus. Das Liebieghaus beherbergt Skulpturen aus 5000 Jahren, die Kentridge gekonnt und trickreich in seine Filmprojektionen integriert und sie mit seinen Bildern, Holz- und Linolschnitten, Lithografien und Papierskulpturen, verbunden mit Musik, künstlerisch ergänzt. Man hat manchmal das Gefühl, dass die antiken Figuren erstaunte Zuschauer und Zuhörer dessen sind, was Kentridge um sie herum inszenierte!

 

„Die alten und neuen Werke widerstreben einander, ihre Eigenarten treten umso stärker hervor“ schreibt die ZEIT und fasst die gelungene künstlerische Symbiose mit der Überschrift „Endlich Krach. Tolle Ruhe!“ zusammen.

 

William Kentridge (Jg. 1951) lebt und arbeitet in Johannesburg und arbeitete in früheren Zeiten als Schauspieler, Designer und Theaterregisseur. Nach diversen Studien in Johannesburg und Paris begann er schon in den 80 ger Jahren Animationsfilme zu produzieren, bei denen er jedes Einzelbild mit Kohle, Graphitstift oder Pastellfarben zeichnete bzw. malte. Die so aus Einzelbildern entstandenen Filme sind ruckelig, flüchtig, lösen sich auf und beginnen von Neuem, sie bezaubern, beglücken, verstören.

 

Kentridge nahm mehrfach an der Biennale in Venedig und der Documenta teil und ist inzwischen ein gesuchter, künstlerischer Weltbürger. Im Liebieghaus bespielt er noch bis 26. August 2018 nahezu alle Räume, wobei sich seine Filme, Bilder und Objekte fantasievoll der jeweiligen Kunstepoche seiner Umgebung anpassen. Mehr Infos auf http://www.liebieghaus.de/de/kentridge

 

FAZIT: Eine sehr empfehlenswerte Ausstellung, die von der üblichen Ausstellungsroutine abweicht und somit unbedingt eine Reise nach Frankfurt wert ist.

 

Klaus Weidner

Juli 2018

 

 

Ai Weiwei – Besuch in seinem Atelier in Peking

Ai Weiwei – Besuch in seinem Atelier in Peking | Ein aktueller Blick auf seine künstlerische „Werkbank“

 

Manchmal muss man als Kunstliebhaber einfach nur Glück haben! Dieses Glück ist mir in Person von Freunden widerfahren, die geschäftlich in Peking zu tun hatten und von Ai Weiwei zu einem Besuch in seinem Atelier eingeladen wurden.  Da der weltbekannte Künstler nichts dagegen hatte, dass er und seine Arbeits-umgebung fotografiert wurden, sondern im Gegenteil mit Spaß dabei war, ist die folgende Fotogalerie eine spannende Momentaufnahme und ein interessanter „Blick auf die Werkbank seines aktuellen Schaffens“.

 

Ai Weiwei wurde am 18. August 1957 als Sohn eines chinesischen Dichters und Regimekritikers geboren. Sein Vater wurde für 20 Jahre in die Provinz verbannt, wo Ai Weiwei bis zur Rehabilitierung seines Vaters aufwuchs. 1978 begann er in Peking ein Studium an der Filmakademie und war Mitbegründer der Künstlergruppe Stars, die mit ihrer avantgardistischen Kunst damals schon staatliche Bevormundungen ablehnte.

 

Ai Weiwei lebte und studierte von 1981 – 1993 in New York, wo er sich mit Fotografie, Konzeptkunst und Dadaismus beschäftigte. Er traf dort bekannte amerikanische Künstler, wie Andy Warhol, Jasper Jones, aber auch Marcel Duchamp, der ihn nach eigenen Worten am meisten beeinflusste.  1993 kehrte er nach Peking zurück und wurde, neben seinem künstlerischen Schaffen, nach und nach zu einer der Hauptfiguren der chinesischen Kunstszene, die gegen die staatlichen Restriktionen opponierte.  Er kuratierte eine Vielzahl von Ausstellungen und baute 1999 sein eigenes Studio – damit begann seine Entwicklung zum Architekten. 2003 gründete er sein eigenes Architekturstudio in Peking und war u.a. als künstlerischer Berater am Bau des Olympiastadions beteiligt.

 

Ab 2009 nahmen die staatlichen Repressalien gegen ihn zu, er erlitt bei einem Polizeieinsatz eine Gehirnblutung, 2011 wurde er verhaftet und verbrachte 81 Tage in Einzelhaft. Er ist seit dieser Zeit mit einem Ausreiseverbot belegt, was ihn aber nicht hindert, seinen politischen Kampf für Demokratie und Meinungsfreiheit mutig und mit seinen künstlerischen Mitteln fortzusetzen. Er erfährt mit zahlreichen Ausstellungen weltweit Anerkennung, war 2013 auch für Deutschland auf der Biennale in Venedig vertreten und hatte 2014 in Berlin und in Kanada große Einzelausstellungen. Darüber hinaus nutzt er die virtuellen, elektronischen Medien virtuos für Blogs, Videodokumentationen seiner Ausstellungen, aber auch zu kafkaesken Aktionen, wie z.B. der „Selbstüberwachung“ mit Internet-Life-Übertragungen aus seinem Atelier - etc.

 

In seinem Atelier arbeitet er mit seinen Mitarbeitern und Katzen rastlos und unbeeindruckt weiter und ist darüber hinaus ein sehr angenehmer, freundlicher und humorvoller Gastgeber, wie meine Freunde berichteten.

 

K.W. Februar 2015

 

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